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• Publication : Atelier Berlin  
Information
Atelier Berlin offers a perspective on the city of Berlin through the work twelve writers and artists. The book is the result of Kastalia's Berlin project which took place in 2004 in one of the so called S-Bahnbogen near the Jannowitzbrücke. The book is edited by writer and curator Jurriaan Benschop.
 

 
Eight artists contributed to Atelier Berlin. Some of them found their motives in and around the city. Others create their own visions in their Berlin studios.
 
The artists work in different media, like painting, photography, film and drawing.The participating artists are: Miriam Böhm (D) Kerstin Brätsch (D), Thomas Brüggemann (D), Marike Schuurman (NL), William Engelen (NL), Astrid Schneider (D), Eléonore de Montesquiou (F) and Jorge Queiroz (P).
 
Four writers give their personal impressions of Berlin in an essay for Atelier Berlin. Former diplomat F. Springer recollects the still divided Berlin of the eighties. Architect Thibaut de Ruyter focuses on one of the architectural masterpieces of contemporary Berlin: the Dutch embassy by Rem Koolhaas. Novelist Adriaan van Dis confesses how he started to love Berlin after initially rejecting the city as cold, ugly and preoccupied by it's past. Editor Jurriaan Benschop focuses on his experience of space in Berlin, while working with eight artists on an exhibition.
 

 
Projektraum Kastalia, 2004 (photo by Astrid Schneider)
 
 
All texts are in Dutch and German. Below you find some textfragments in German from Atelier Berlin.

• Textfragments Atelier Berlin  
From: Adriaan van Dis - Ein Ästhet in Berlin.
 
          Schönheit ist meine Triebfeder. Und meine Neurose. Es muß mit der Suche nach Heilem angefangen haben. Heilheit in einem Haus, in dem alles häßlich und kaputt war. Ein Aussiedlerheim mit abgedankten Möbeln, Rotkreuzdecken und zu vielen Bewohnern. Mopeds und Räder im gemeinsamen Flur, Kratzer auf den weiß getünchten Wänden, tropfende Wäsche auf dem Treppenabsatz, blubbernder Petroleumkocher, allgegenwärtige Farblosigkeit. Ich suchte Ordnung in dem Chaos und bildete mir ein, der einzige zu sein, der das Durcheinander in Grenzen hielt. Nie habe ich aufgehört, nach Heilem zu suchen – vor allem dort, wo alles kaputt war. Jahrelang habe ich Schönheit mit Heilheit verwechselt. (Und tue es eigentlich noch immer.)
 
(...)
 
Auch ich stieß in den ersten Berliner Tagen auf meine eigenen Klischees. Was für eine häßliche Stadt! Hier hatte der Krieg sichtlich gehaust. In jeder Baulücke zwischen den Häuserzeilen sah ich einen Bombeneinschlag. Jede breite Allee führte mir eine Militärparade vor Augen. Die Stadt war zu leer, zu ausgedehnt, zu beschädigt, um je wieder schön werden zu können. Wo steckten diese Berliner überhaupt? Halbvolle Restaurants, eine nahezu leere Gemäldegalerie. Wenn sie beisammen standen, dann auf dem Weihnachtsmarkt, um auf der Straße Wurst zu essen!
 
(...)
 
"Zeigt ihr mir eure Stadt?" fragte ich meine Studenten. Und sie nahmen mich im Schlepptau mit "dorthin, wo was läuft": in die hippen Galerien, zu den Hangouts in der Kastanienallee ('Castingallee'), wo das Verlangen nach Ruhm die Scheiben beschlägt, und zur russischen Underground-Musikszene. Ich setzte mich zu Polen und Rumänen, stieß auf Studenten aus den Beitrittsländern, die zum erstenmal Europa entdeckten. Und ich machte zum erstenmal Bekanntschaft mit Mitteleuropa. In diesen Nächten wurde mir immer klarer: Berlin liegt nicht mehr am Rand Europas, sondern in der Mitte. Mitten in der Zukunft. Alles vibriert vor Veränderung. Oder schwafle ich jetzt Unsinn und schwadroniere wie ein Bekehrter?
 
 
 jorge queiroz  marike schuurman
 
Jorge Queiroz
No title, 2004
 
Marike Schuurman
Teufelsberg1, 2004
 

 
From: Jurriaan Benschop - Atelier Berlin
 
          Von der Jannowitzbrücke aus sind es fünf Gehminuten. Das Studio liegt unter der Stadtbahn, hinter einer Backsteinfassade. In den letzten Jahren wurde der Raum von ständig wechselnden Künstlern als Atelier genutzt. Diese Atmosphäre finde ich auch bei meiner Ankunft vor: die einer Werkstatt. Auf dem Boden sind Farbspritzer, ein paar Werkzeuge liegen herum, und es hängen zwei Strahler zum Ausleuchten von Kunstwerken, die nicht mehr vorhanden sind. Der Raum ist voller Möglichkeiten, aber noch lange nicht fertig für das Publikum, das ich hier erwarte. Bald werde ich das Atelier teilen. Ich bin hierhergekommen, um Werke von Künstlern zusammenzustellen und zu präsentieren. Eine Ausstellung zu machen, die sich Stück für Stück entfaltet. Wer diese Künstler sein werden, weiß ich noch nicht, nur, daß sie hier in der Stadt arbeiten und daß sich dieser Raum nach und nach mit ihren Werken füllen wird. Ein Labor der Wahrnehmung soll es werden, in dem mit den Künstlern über ihre Arbeiten gesprochen wird.
 
(...)
 
In Berlin begegnet jeder Neuankömmling dem Krieg, den es dort nicht mehr gibt, und sucht nach der Mauer, die dort nicht mehr steht. Das alles ist Geschichte und dennoch ist es auch alltägliche Gegenwart. Es sind übrigens nicht nur Touristen oder Immigranten, die sich damit beschäftigen, auch die Deutschen hören nicht damit auf. Sehen noch immer überall den Krieg und legen sich darüber Rechenschaft ab. Der Untergang hat Premiere, die Flick Collection wird eröffnet, das Holocaust-Mahnmal ist fast fertig. Und alles ist beladen und Anlaß für Polemiken in den Zeitungen, am Küchentisch und auch bei mir im Studio. Bisweilen kommt es mir übertrieben vor, man kann die Schuld von damals nicht in der Gegenwart begleichen und sollte vor allem nicht darin schwelgen. Aber das ist zu leicht gesagt, meint einer der deutschen Künstler, der hier ausstellt. Es wäre erst dann eine wirklich schlechte Nachricht, wenn nicht mehr über moralische Dilemmas gesprochen würde, hält er mir vor.
 
 
 eléonore de montesquiou  kerstin brätsch
 
Eléonore de Montesquiou
filmstill Célibataire,
2001-2004
 
Kerstin Brätsch
Fackelträger (2004)
 
 

 
From: Thibaut de Ruyter - Freiwillige Gefangene
 
          Eine der Besonderheiten der niederländischen Botschaft ist, dass fast niemand sie betreten darf. Sie steht in der Stadt wie ein Phantasma. Wie ein Bordell für den, der nicht alt genug ist, einzutreten: eine seltsame Leere, in der unsägliche und aufregende Dinge passieren... Man sieht das Äußere, aber nicht die Substanz. Wie bei den Hollywood-Stars im Fernsehen, von denen wir wissen, dass wir niemals mit ihnen zu Mittag essen werden: Sie sind verführerisch, wir sprechen mit Freunden über sie, aber wir wissen nichts über ihr wirkliches Leben. Das Berliner Gebäude existiert in den Gesprächen der Architekten, den Sonderausgaben der Lifestyle-Magazine, den Bootstouren auf der Spree. Falls man das Glück hat hineinzukommen, sieht man aus Sicherheitsgründen nur einen kleinen Teil, der das Phantasma nur noch größer macht. Man kommt an ein paar Korridoren und Räumen vorbei, das Zimmer des Botschafters und die schwarze Box, die an der Fassade hängt, bleiben jedoch geheim. Es ist eine Existenz ohne Erfahrung. Von den Outsiders zu Helden stilisiert, werden die wenigen, die im Gebäude waren, verhört (wie ein Zwölfjähriger einen Freund fragt, der so tut, als habe er schon mit einem Mädchen geschlafen): "Also, wie ist es? Ich meine: Wie ist es drinnen?".
 
 
 miriam böhm
 
Miriam Böhm
Ausstellungsraum (2004)
 

 
From: F. Springer - Honeckers Paradies
 
          Niemand wird sich mehr daran erinnern, aber Dienstag, der 25. Juni 1985, war ein strahlender Tag. Ich weiß das noch, denn es steht in meinem Notizbuch. An dem Tag flog ich nach Berlin, genauer gesagt: Ost-Berlin, das vom kommunistischen Regime zur Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik erhoben, von uns westlichen Ländern jedoch nie als Hauptstadt im wahren Sinne des Wortes anerkannt worden war. Manche Diehards aus der Ära des Kalten Krieges sprachen bis zum Untergang der DDR halsstarrig von der 'Ost-' beziehungsweise 'Sowjetzone'.
Auf dem Flughafen Schönefeld erwartet mich stramm der Protokollchef des ostdeutschen Außenministeriums. Ich bin der neue Botschafter der Niederlande, und den muß er im Arbeiter-und-Bauern-Paradies geziemend begrüßen. Schon während wir vom Flugzeug zum kleinen Empfangssaal gehen, beginnt er, im Eiltempo sämtliche Errungenschaften des marxistischen Regimes aufzuzählen und hier und da sogar beeindruckende statistische Daten einzustreuen: Dieses Jahr ist der Export um soundsoviel Prozent gestiegen; dieses Jahr wurden soundsoviele Wohnungen fertiggestellt; dieses Jahr wurden schon wieder mehr Autos produziert. Es ist erst Juni, sage ich, das heißt, das verspricht ja ein Topjahr zu werden. Er nickt ernst und weiß schon jetzt, daß der neue niederländische Botschafter sich sehr schnell von den Leistungen der DDR beeindrucken lassen wird.
 
(...)
 
"Sie sprechen Deutsch, habe ich gehört," sagt Honecker, "also brauchen wir keinen Dolmetscher." Ich erzähle ihm wohlweislich nicht, daß ich mir als Vorbereitung auf meine Stationierung meine alten Deutschbücher noch einmal gründlich vorgenommen habe.
Wir tauschen die üblichen Höflichkeiten aus, doch dann zieht Honecker auf einmal ein Büchlein aus seiner Innentasche. Ich darf es mir ansehen. Ein niederländischer Paß aus der Vorkriegszeit! Ausgestellt auf einen holländischen Namen, doch unverkennbar mit seinem jugendlichen Foto versehen! Eine perfekte Fälschung, sagt er. Angefertigt von holländischen Genossen, als er in den dreißiger Jahren vor der Gestapo fliehen mußte und eine Weile in den Niederlanden untergeschlüpft war. Er war unter anderem in Scheveningen gewesen (was er gar nicht mal so schlecht aussprach) und konnte sich auch an die Amsterdamer Kalverstraat noch gut erinnern.

 

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 Atelier Berlin
    Publication
     
  • 164 pages,
    full colour paperback
  • size:17 x 24 cm
  • price: 15,00 euro
  • editor: Jurriaan Benschop
  •  
  • graphic design: GITS,
    Rolf Hermsen
  • publisher: Kastalia, Amsterdam
  • distribution in Germany, Switzerland, Austria: Vice Versa Vertrieb, Berlin
  • distribution in The Netherlands and other countries: Kastalia Amsterdam.
 
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• Projektraum Kastalia 2004  
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